Du bist, was du isst – klingt einleuchtend, ist aber gefährlich. Biochemisch ist ein Quäntchen Wahrheit dran: Was ich esse, wird zu mir. Esse ich Protein, verwendet mein Körper dieses Protein als Baustein für Muskeln, Haare, Haut, Zähne, Knochen und so weiter. Das ist aber gar nicht, worum es bei „Du bist, was du isst“ geht. Und das ist ein Problem.

Ernährung bietet heute mehr an, als sie eigentlich zu leisten imstande ist und soll.  Was soll Ernährung? Sie soll den Körper erhalten, aufbauen, stärken. Manchmal soll Ernährung genau das Gegenteil: Sie soll den Körper abbauen, eine bestimmte Konstitution schwächen, damit eine neue Balance hergestellt werden kann. Beim Fasten etwa sollen Überschüsse im Körper mobilisiert werden. Ob das immer so praktiziert wird, steht auf einem anderen Blatt. Aber ursprünglich wurde Fasten dazu eingesetzt, um Krankheiten zu heilen oder vorzubeugen, die durch einen Überkonsum erzeugt worden waren.

Was das Fasten nicht bietet, ist eben genau das, was ich als Problem erkannt habe: die Identitätsbildung um einen ernährungsbasierten Lifestyle. In den 1990ern, als ich Teenager war, gab es einen Veganer in meiner Schule. Ein kleiner, blasser Junge, der in einer Crossover-Band sang und sich als Teil einer Jugendbewegung fühlte, die man straightedge nannte. Straightedge zeichnet sich durch einen freiwilligen Verzicht aus: Tabak, Rauschmittel, sogar Koffein und übermäßiger Geschlechtsverkehr, bis hin zu Vegetarismus und Veganismus. Die Wurzeln dieser (natürlich) US-amerikanischen Bewegung stammen – so sehr es sich auch widerspricht – aus der Punk-Szene. Damit fällt schon einmal Folgendes auf: Erstens schwappt derartig puritanisches Gedankengut auffällig oft aus den Staaten zu uns nach Europa. Zweitens erfasst es oft Menschen die sich grundsätzlich zu Extremen hingezogen fühlen. Die Bezeichnung straightedge entstammt einem Song eines ehemals Drogenabhängigen. Ein guter Vergleich sind hier wohl neue Nicht-Raucher, die wirklich alles dafür tun, dass jetzt jeder mit Rauchen aufhört, nur weil sie plötzlich verstanden haben, wie ungesund und übelriechend Rauchen ist. Drittens: Diese Bewegungen sind fast immer religiös aufgeladen oder bieten eine Schablone für Identität an.

Wer meine Geschichte kennt, der weiß, dass ich in meinen 20ern viel mit Rohkost experimentiert habe. Angefangen mit der  Instincto-Therapie (die, wie ich später erfuhr, ein pädophiler Kult ist), über Wandmaker und Konz bis hin zur smoothiebasierten Superfood-Ernährung (die natürlich auch aus Amerika kommt). Der Unterschied zu heutigen Ernährungsalternativen ist der: Es gab keine neue Identität für mich. Ich war immer noch Studentin an einer Kunsthochschule im Fach Mode. Ich arbeitete als Aushilfe in einem Bio-Laden und schleppte dort Milch- und Gemüsekisten. Freizeit hatte ich kaum, vielleicht haben mich das fordernde Studium und die Arbeit davon abgehalten, auf dumme Gedanken zu kommen. Auch war das Internet damals noch nicht das, was es heute ist. Es gab noch kein YouTube, kein Instagram, kein Twitter, Facebook schon, aber ich hatte gerade mal meinen ersten Computer und war noch nicht besonders firm damit. Zu dem ganzen teilweise gefährlichen Unsinn hatte ich keinen Zugang. Ein Glück!

Aber selbst wenn, dann hätte mich einiges abgeschreckt: Die merkwürdige verschrobene Art der Instinctos, die Überspanntheit der Rohveganer, die altherrenhafte Verbohrtheit derjenigen, die nichts als Wildkräuter aßen. Nichts davon hätte zu mir gepasst. Für die Kochveganer war ich zu roh und nicht links genug. Es waren einfach nicht meine Sorten Mensch und auch nicht meine Werte, die ich in den Gruppen vorfand. Ich war auf der Suche nach der Wahrheit: Was ist die natürlichste Ernährung für den Menschen? Und keiner konnte diese Frage zufriedenstellend beantworten.

Heute ist es schick, sich anders zu ernähren. Vor 15 Jahren war es das noch nicht. Eine Kommilitonin war meine Ernährung so suspekt, dass sie hinter meinem Rücken überall erzählte, ich sei Mitglied in einer Sekte. Dabei war ich auf der Suche nach einer Lösung für meine noch unterkannte Hyperinsulinämie, die erst 2018 per Zufall entdeckt werden sollte. Die Folge dieses Rufmords: In der Hochschule war ich noch mehr allein. Zum Glück hatte ich ein paar richtig gute Freunde, die mich so akzeptierten und denen es sogar egal war. Die ein Glas Wein neben mir trinken und Chips essen konnten, ohne eine Grundsatzdiskussion vom Zaun zu brechen. Die mir eine Schale Nüsse hinstellten, um mich zu integrieren. Eben weil es nur ums Essen ging, und nicht um meine Identität. Diese Art der Toleranz und das, was man als gesunden Menschenverstand bezeichnet, sind uns verloren gegangen.

An diesem Verlust sind wir teilweise selbst Schuld. Wir wissen nicht mehr, wie man kocht, wie man Gemüse selber zieht, wie man schlachtet. Wir haben uns von unserer Ernährung derart entfernt, dass wir eine Acai-Bowl für eine gesunde Mahlzeit halten. Was diese Art zu essen aber mit uns macht, ist erschreckend. Wir verlernen nicht nur, wie man den Körper richtig nährt. Wir verlernen auch ein Stück unserer Kultur und ersetzen dieses durch in Folie eingeschweißte Astronautenkost, die wir noch nicht einmal kauen müssen, wie es sich für einen Erwachsenen gehört. Wir geben unsere Selbstbestimmtheit auf für ein religiös motiviertes Ideal, das noch nicht einmal aus unserem Kulturkreis stammt.

Das Bild, das uns vermittelt wird, ist unvollständig. Essen und Identität sind nicht dasselbe. Essen und Essenzubereitung sind Kulturgüter, die schützenswert sind. Ob ich zu dieser Kultur gehöre, wird mit der Geburt und dem Aufwachsen entschieden. Manchmal kann man auch einheiraten. Aber das ändert nichts daran, dass die Wurzeln andere sind und ebenfalls berücksichtigt werden müssen. Man kann Identität nicht so einfach ablegen und durch ein künstliches Konstrukt, was ja Instincto, Rohkost und Veganismus sind, ersetzen.

Zu dem „was du isst“, sollte auch ein „wie du isst“ hinzugefügt werden. Essen Erwachsene wie Kleinkinder (bunt, süß, breiig) oder wie Erwachsene (salzig, sauer, herb, fettig, proteeinreich, so fest, dass es zerkaut werden muss)? Bisher ist mir keine Kultur bekannt, bei der Erwachsene es vorzogen nicht zu kauen, sondern wie Babys und Kleinkinder Flüssignahrung verspeisten. Welche Art von Identität bieten diese neuen Ernährungsformen an? Keine besonders positiven, wie ich finde. Nicht, wenn man dafür Selbstbestimmtheit und Souveränität abgeben muss. Eben wie in einer Religion – nicht nachfragen, sondern darauf vertrauen, dass jemand anders das Schicksal schon lenken wird. Das kann in manchen Krisenzeiten die richtige Herangehensweise sein, aber die Wahl dafür oder dagegen muss gegeben sein.

Du bist, was du isst, ist ein gefährlicher Satz. Es verspricht eine Identität durch die Essenswahl, wenn die Arbeit, sich eine Identität aufzubauen viel schwerer und langwieriger ist, als ein paar Zutaten in einem Blender mit bunten Pulvern anzurühren. Hören wir also auf, uns wie Kleinkinder aufzuführen und fangen wir an, wieder wie Erwachsene zu essen: verantwortungsvoll, nachhaltig und menschengerecht.

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